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Digitalisierung im Mittelstand zwischen Stuttgart und Schwarzwald

Der süddeutsche Mittelstand produziert auf Weltniveau, verwaltet sich aber oft noch mit Excel und E-Mail. Drei typische Muster und warum große Beratungen hier selten passen.

Zwischen Stuttgart, Böblingen, Herrenberg und dem nördlichen Schwarzwald sitzt eine der dichtesten Mittelstands-Landschaften Europas: produzierendes Gewerbe, Maschinenbau, Zulieferer, Logistiker, spezialisierte Handwerksbetriebe. Viele davon sind in ihrer Nische technologisch weltweit führend.

Und genau in dieser Landschaft findet man regelmäßig ein Muster, das nicht zum übrigen Niveau passt: Firmen, die in der Produktion präziseste Messtechnik und digital gesteuerte Maschinen einsetzen, während ihre internen Büroabläufe auf Excel-Tabellen, E-Mail-Anhängen und manueller Datenübertragung beruhen.

Dieser Beitrag beschreibt drei Muster, die in der Region typisch sind, und warum große Beratungsangebote hier oft an der Realität vorbeigehen.

Muster 1: Die Produktion ist digital, das Büro nicht

In einem typischen Produktionsbetrieb mit 40 bis 150 Mitarbeitern läuft die Fertigung in der Regel sauber. CNC-Maschinen sind angebunden, Qualitätsdaten werden automatisch erfasst, Produktionsplanung läuft über ein ERP.

Wenige Meter weiter im Büro sieht es anders aus. Angebote werden in Word geschrieben, Excel-Tabellen per E-Mail hin- und hergeschickt, aus dem ERP werden Exporte gezogen und händisch mit Buchhaltungsdaten abgeglichen. Die gleiche Firma, die in der Produktion unter zehn Mikrometer Toleranz arbeitet, akzeptiert im Büro eine Fehlerquote, die im Fertigungsbereich undenkbar wäre.

Der Grund ist weniger Unwissen als Prioritätensetzung: Produktionsinvestitionen zahlen sich messbar aus, Büroautomatisierung steht seltener auf der Tagesordnung. Das heißt aber nicht, dass der Hebel klein ist. Oft stecken hier fünf- bis sechsstellige Zeit- und Fehlerkosten pro Jahr, verteilt auf viele kleine Tätigkeiten.

Muster 2: ERP und Excel leben nebeneinander her

Ein zweites, weit verbreitetes Muster: Es gibt ein ERP-System (häufig SAP Business One, Microsoft Dynamics, Sage oder eine branchenspezifische Lösung). Daneben lebt ein ganzer Kosmos aus Excel-Tabellen, die das ERP ergänzen, weil “das System das so nicht kann” oder “das schon immer so lief”.

Die Excel-Tabellen sind dabei keine Notlösung, sondern die eigentliche operative Wahrheit: Kundenlisten mit Sonderkonditionen, Projektabrechnungen, Kalkulationen, interne KPIs. Wer einen Mittelständler verstehen will, schaut nicht als Erstes ins ERP, er schaut ins Shared Drive.

Das Problem ist nicht Excel. Excel ist ein erstaunlich mächtiges Werkzeug. Das Problem ist der Bruch: Daten werden manuell zwischen Systemen übertragen, Stände veralten, Versionen liegen nebeneinander, Formeln werden überschrieben. Die meisten “Digitalisierungsprojekte”, die hier ansetzen, scheitern nicht an der Technik, sondern daran, dass sie das Excel-Ökosystem ersetzen wollen statt es sauber anzubinden.

Muster 3: Der Fachkräftemangel wird als Schicksal gelesen, nicht als Hebel

“Wir finden niemanden mehr.” Dieser Satz ist im süddeutschen Mittelstand zur Normalität geworden. Offene Stellen im Büro und in der Administration bleiben monatelang unbesetzt, bestehende Mitarbeiter tragen mehr.

Die reflexartige Reaktion lautet: stärkeres Employer Branding, höhere Gehälter, Willkommens-Prämien. Alles legitim, aber das Problem wird dadurch nur teurer, nicht kleiner. Der eigentliche Hebel liegt oft anders: Die Arbeit, die unbesetzt ist, besteht zu großen Teilen aus Tätigkeiten, die keine kognitive Aktivität mehr brauchen. Dateien zusammenführen, Eingaben übertragen, Berichte zusammenstellen, wiederkehrende Kunden-E-Mails formulieren.

Eine Mitarbeiterin, die diese Aufgaben weiter manuell erledigt, ist nicht überfordert, sie wird unterfordert eingesetzt. Wenn ein Teil dieser Aufgaben automatisiert wird, verdoppelt sich ihr effektiver Output nicht selten, und die Rolle wandelt sich hin zur fachlichen Prüfinstanz: Sie schaut noch einmal über das automatisch erzeugte Ergebnis, korrigiert Randfälle, entscheidet in Ausnahmen. Das ist nicht nur günstiger, es ist auch wertschätzender, und oft derselbe Hebel, der den offenen Stellen überhaupt die Dringlichkeit nimmt.

Warum große Beratungen hier oft nicht passen

Die klassischen Digitalberatungen verkaufen Projekte, die für Konzerne dimensioniert sind: monatelange Ist-Analysen, Transformationsroadmaps, Change-Programme, Schulungskaskaden. Für einen 60-Mann-Betrieb in Gärtringen, Nagold oder Freudenstadt ist das strukturell falsch:

Was stattdessen funktioniert

Die Ansätze, die in der Region funktionieren, haben drei Eigenschaften:

  1. Klein und konkret statt groß und konzeptionell. Ein konkreter Prozess, der heute Stunden kostet, wird als erstes automatisiert, nicht die gesamte Firma.
  2. Pragmatisch statt “State of the Art”. Ein kleines Skript auf einer Linux-Box im Firmennetzwerk schlägt fast immer eine große Cloud-Plattform mit Monatsgebühr. Der Unterschied ist nicht Technik-Romantik, sondern Kosten und Unabhängigkeit.
  3. Ein Ansprechpartner statt Projektorganisation. Wer in der Region arbeitet, kennt den Wert eines Telefonats mit einer Person, die die Geschichte kennt und direkt handeln kann.

Das ist keine Hemdsärmeligkeit, es ist Angemessenheit. Der süddeutsche Mittelstand hat viele seiner Spitzenstellungen genau mit dieser Haltung erreicht: schlanker als nötig, fokussierter als üblich, ehrlicher in der Selbsteinschätzung.

Das eigentliche Fazit

Die Digitalisierung des süddeutschen Mittelstands wird nicht von Plattformen entschieden, und schon gar nicht von Konzernberatungen. Sie wird entschieden durch eine Serie kleiner, richtig gesetzter Hebel in konkreten Büroabläufen.

Wer genau dort ansetzt und ehrlich dazu sagt, wo ein Eingriff nicht sinnvoll ist, kann in wenigen Tagen mehr bewegen als ein großes Programm in einem Jahr.

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